Handel und Verkehr in Zentralasien in der Darstellung der arabisch-persischen Geographie
Zentralasien: Teil der Islamischen Welt und Drehscheibe der Seidenstrasse
Zentralasien (Hurasan, Hwarazm und Transoxanien, heute die iranische Provinz Hurasan und die unabhängigen Republiken Kazachstan, Kirgizien, Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan) hat von der muslimischen Eroberung (7.Jh.) bis zu seiner Abriegelung durch den safawidischen Iran (16. Jh.) innerhalb der islamischen Welt eine einzigartige Erfolgsgeschichte vorzuweisen.
Gruppen von hier prägen die politische Geschichte der islamischen Welt. Die ersten Abbasiden stützen sich auf arabische Truppen aus Hurasan, holen später aus Zentralasien ihre türkische Leibwache. In dieser Region entwickeln die Samaniden ihre Doppel-Identität als Vorkämpfer des Islams gegen Heiden und Schiiten und als Verteidiger Irans gegen die Türken. Diese Identität übernehmen die Seldschuken, obwohl selber Nomaden und Türken, und die Osmanen setzen dieselbe Identität an der Westgrenze der islamischen Welt gegen Byzanz und Westeuropa ein. Türkische Konzepte beeinflussen schliesslich die politische Struktur des Mamlukenreiches, "des Staates der Türken und Tscherkessen".
Zentralasien hat in seinem speziellen, innovativen geistigen Klima eine überraschend grosse Anzahl von Rechtsgelehrten, Philosophen und Medizinern, Mathematikern, Astronomen und Geographen hervorgebracht - man denke nur an al-Hwarazmi, Ibn Sina und al-Biruni. Die neupersische Literatur mit ihrer Verbindung von iranischer und islamischer Tradition, die den Iran bis heute prägt, entwickelt sich besonders unter den Samaniden. Nicht zuletzt entstehen hier die Orden der islamischen Mystiker - eine Organisationsform, die heute die islamische Welt von Westafrika bis Indonesien und China überzieht.
Die starke Innovationskraft Zentralasiens hat mit seiner Randlage innerhalb der islamischen Welt zu tun, besonders aber mit seiner Lage an starken Handelsströmen, als Drehscheibe der Strassen aus den Steppen Südrusslands und Innerasiens und weiter aus den Wäldern Russlands und Sibiriens und aus China, und den Strassen aus den Hochländern Irans und Afghanistans und weiter aus Kleinasien, Mesopotamien, vom Mittelmeer und aus Indien. Zahlreiche Handelsgüter erreichen und verlassen hier die islamische Welt. Städte wie Marw, Harat, Urgandsch, Samarqand und Buhara werden damit zu wichtigen und reichen Umschlagsplätzen von Luxusgütern aus aller Welt
Die Organisation des Handels in Zentralasien
Wie der Handel in Zentralasien im Einzelnen funktioniert, ist überraschenderweise kaum erforscht, und dies, obwohl die Quellenlage ausgesprochen reich ist. In dieser Untersuchung soll es um das Funktionieren des Handels in Zentralasien gehen, von der muslimischen Eroberung im 7. Jahrhundert bis zur Isolation Zentralasiens durch den safawidischen Iran und den Einbruch des Fernhandels über die Seidenstrasse im 16. Jahrhundert.
Importiert nach Zentralasien werden an Handelsgütern aus der südrussischen und zentralasiatischen Steppe, besonders Sklaven, aus den Waldgebieten Russlands, Osteuropas und Sibiriens Pelze und Honig, aus dem Fernen Osten Seide, Gold und Silber, Gewürze und Medizinalpflanzen, Porzellan und Edelsteine. Exportiert werden in die Wälder Russlands und Osteuropas besonders Münzen und Waffen, und nach China Glaswaren.
Bei den Strassen haben wir ausführliche Angaben über Entfernungen und Streckenführungen und Entfernungen, sowohl für Hwarazm wie für Hurasan und Transoxanien. Es ist zu unterscheidend zwischen Land-Routen mit Strassen, gefährlichen Stellen, Brücken, Furten und Eisübergängen, Karawanserailen und Lagerplätzen einerseits, und Wasser-Routen mit Wasserwegen, Katarakten und Flachstellen, Schleppstrecken über Land, Häfen und Ankerorten andererseits. Wann welche Route gefährlich und/oder einträglich ist, wann welche Route neu aufgeht oder in Vergessenheit gerät, wie Land- und Wasserweg zusammenspielen, ist unbekannt.
Die grossen Städte wie Marw, Harat, Urgang, Samarqand und Buhara sind die Knotenpunkte der Handelsrouten, die Umschlagplätze der Handelsgüter. Sie sind Ausgangspunkte und Stützpunkte der Händler, bieten Karawanserailen als Unterkunft und Lagerraum, Märkte für den ungestörten Weiterverkauf, Treffpunkte für den Nachrichtenaustausch und nicht zuletzt Unterhaltung. Die Rolle der grossen Städte in den Handelsnetzen bleibt zu bestimmen. Sind die grossen Städte zwingende Knotenpunkte des Fernhandels oder können sie umgangen werden? Verbinden sie den Fernhandel auch mit dem regionalen Handel?
Zentralasien hat seine eigene Produktion, unter anderem von Silber, Papier, Seide und Baumwolle. Das Zusammenspiel von erhandelten und produzierten Waren ist vermutlich fein austariert und ändert sich im Lauf der Zeit.
Ueber die Organisation der Kaufleute sind wir unzureichend informiert. Zwar wissen wir, dass Kaufleute aus Sogdien (Transoxanien) in vorislamischer Zeit bis weit nach China hinein Kolonien gründen, dass später muslimische Kaufleute in der südrussischen Steppe handeln. Die Erschliessung neuer Routen geht vermutlich mit den wissenschaftlichen Expeditionen der Kalifen, mit der muslimischen und der spezifisch sufischen Mission Hand in Hand. Es bleibt aber zu untersuchen, wer wann wo handelt, wo seine Familie und Freunde hat. Gibt es wie in den Geniza-Dokumenten des Mittelmeers Vertreter, Pendler zwischen zwei Standorten, sesshafte Händler, Broker und Angestellte?
Die Kaufleute leisten Abgaben an staatliche Beamte und an Wegelagerer - wobei beide Gruppen den Handel möglichst stark schröpfen, ihn aber nicht ganz lahmlegen wollen. Die Kaufleute sind in jedem Fall sehr verletzlich und wehren sich, indem sie Schutztruppen mitnehmen, Zölle und Wegezölle abgeben, Bargeld durch Zahlungsanweisungen an Geschäftsfreunde ersetzen, besonders gefährliche Strecken und Routen meiden usw. Die politische Einigung sehr grosser Gebiete zuerst durch die Muslime, dann durch die Mongolen führt wohl dazu, dass mehrere kurze Routen zu langen Routen zusammengefasst werden, sich aber am gesamten Handelsvolumen nichts ändert.
Die Technik des Reisens in Zentralasien ist noch nicht untersucht worden. Zu Land werden als Pack- und Reittiere Maul- und Trampeltiere, als Reittiere ausnahmsweise auch Pferde verwendet. Zu Wasser reist man auf Schiffen und Flössen. Was man auf der Reise anzieht, wie man packt, wie man sich orientiert, wie weit man pro Tag reist, ob man Ruhetage hält usw., ist unbekannt.
Auch den zeitlichen Rhythmus des Handels kennen wir noch nicht. Die alljährliche, von Soldaten begleitete Pilger-Karawane nach Mekka, dem sich Händler und andere Reisende gerne anschliessen, hat anscheinend eine besondere Bedeutung, verschiebt sich aber durch die Jahreszeiten. Auf jeden Fall ist die Situation grundsätzlich anders als am Mittelmeer, wo sich der Handel soweit als möglich zu Wasser abspielt, der Handel von den grossen Konvoys im Frühling und im Herbst geprägt wird und die Schiffahrt im Winter ruht.
Prof. Dr. Andreas Kaplony, Orientalisches Seminar der Universität Zürich, Wiesenstr. 9, CH-8008 Zürich, kaplony(at)oriental.uzh.ch. Förderung durch die Gerda-Henkel-Stiftung.
